Hu kam in unsere Klasse als Vietnamesin. Später wurde sie Hu. „Hu“ heißt auf vietnamesisch: „Der Gipfel, der den Bergsee küsst, wenn sich der Morgennebel verzieht und der Morgentau…“

 

Hu war betont unauffällig, still und äußerst zurückhaltend.

Wir führten das auf ihre asiatische Erziehung zurück. Später erzählte sie, dass sie am Anfang sehr unter ihrem Aussehen gelitten hatte. Sie fühlte sich oft angestarrt und war sich ihrer Fremdartigkeit schmerzhaft bewusst.

 

Im Grunde waren wir aber ganz ok zu ihr. Am Anfang fanden wir sie interessant. Mit der Zeit gewöhnten wir uns an sie. Eigentlich gab es nie Ärger mit Mobbing oder so – Hu litt einfach an sich selbst. Am furchtbarsten fand sie ihre Augen, die im Vergleich zu Carmen’s Scheinwerfern lediglich schmale Sehschlitze waren. Später, als Hu oft lächelte, konnten Kenner ein raffiniertes Minenspiel ausmachen, das wunderbar zu ihrem feinsinnigen Humor und ihrer schlagfertigen Ironie passte.

Carmen war – ehrlich gesagt – nicht die hellste Kerze am Baum, was sie mit ihrer Offenheit und Warmherzigkeit aber wunderbar ausgleichen konnte. Jeder mochte sie. Auch Hu. Die beiden haben heute noch Kontakt. Damals kam Carmen in Mathe von ihrer fünf, was keiner für möglich gehalten hatte und wurde versetzt. Welche Kräfte da im Spiel waren, kam nie ans Tageslicht, aber Hauptsache war, Carmen konnte bei uns bleiben.

 

Umgekehrt ging auch Hu immer mehr aus sich raus und konnte uns später davon erzählen, wie sehr sie am Anfag unter ihrem asiatischen Aussehen unter uns Langnasen gelitten hatte. Aber da war sie längst keine Vietnamesin mehr, sondern einfach Hu. Der Gipfel hatte den Bergsee geküsst.

So einfach ist es aber leider nicht immer. Es gibt schon Zwänge, Regeln und Normen. Es gibt Hierarchien, Rangkämpfe, Alphatiere und Underdogs. Und jeder von uns steht da immer irgendwo.

 

Man hat es aber schon ein Stück weit in der Hand, was für eine Figur man abgibt. Kopien werden schnell entlarvt. Man greift dann lieber zum Original. Nach oben buckeln und nach unten treten ist eine bombensichere Methode, nie Freunde zu gewinnen.

 

Wirklich starke kommen auch mal eine Zeitlang ohne Bestätigung aus. Selbstbewußtsein bedeutet, sich seiner selbst bewußt zu sein. Mit allen Stärken und Schwächen. Und die hat jeder.

Manche scheinen sich nur besser zu tarnen. Mit coolem Getue und riskanten Angewohnheiten. Schon klar, dass wir hier vor allem auf Alkohol und Zigaretten anspielen. Autorennen, Bahn-Surfen, Hooligan-Attituden und überhaupt alle Gangsta-Allüren zählen wir aber ebenfalls dazu. Um mal die härteren Gangarten aufzuzählen.

Langgfristig zahlt es sich auf jede Fall aus, echte Qualitäten zu entwickeln. Und dafür gibt es Kriterien. Z.B. Zuverläsigkeit. Die gute Nachricht: Du kannst Dich auf Dich verlassen. Alles andere wäre schlecht. Dann könnten sich andere auch nicht auf Dich verlassen. Das macht nicht nur keinen guten Eindruck, es ist schlimmer. Die suchen sich am Ende des Tages welche, auf die sie zählen können. Gehörst Du dazu?

Das fängt schon im Kleinen an: Wer ständig zu spät kommt, hat weniger Dates. Wer nicht zuhören kann, dem wird bald nichts mehr erzählt.

Wer Geheimnisse verrät, verliert gute Freunde und wer Schulden nicht zurückzahlt, verliert Kredit.

Auch wenn man letztlich immer eine Entschuldigung findet, es hilft nichts: Wenn Du Dich auf Dich selbst nicht verlassen kannst, können es andere auch nicht.

 

Aber nobody is perfect und schließlich kann man an sich arbeiten.

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